Albinus? Oder Marinus?

Nach dem zweiten Weltkrieg trieb ein unbekanntes Raubtier im Wallis sein Unwesen und fand den Weg nach Eischoll.

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Albinus? Oder Marinus?

Nach dem zweiten Weltkrieg trieb ein unbekanntes Raubtier im Wallis sein Unwesen und fand den Weg nach Eischoll.

Sprecher
Wilfried Meichtry, Autor
Text
Wilfried Meichtry
Musik
Raban Brunner
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Alles fing damit an, dass im Sommer 1946 innerhalb weniger Wochen in der Region Leuk, im Turtmanntal und im Val d’Anniviers an die fünfzig Schafe, ein Schwein und sogar ein Kalb von einem unbekannten Raubtier gerissen wurden. Unter den Oberwalliser Kleinviehzüchtern kam Unruhe auf, weil es seit Generationen schon keine Raubtiere mehr im Wallis gab. Als die Zahl der getöteten Tiere auf 150 angestiegen war, schickte die Polizei Patrouillen, die die Gegend kontrollieren sollten. Dabei stieß man auf Spuren in der Größe „einer starken Männerhand“, die also von einem „Raubtier“ stammen mussten. „Ist das sagenhafte Tier ein Panther?“, fragte der Walliser Bote am 2. August 1946. Diese Vermutung ging zurück auf eine Zeitungsmeldung, die von einem Ausbruch von zwei Panthern aus einem Zirkus in Turin berichtete. Es könne gut sein, dass diese Raubtiere ins Wallis eingewandert seien. Dankbar nahmen Schweizer und internationale Zeitungen diese Spekulation auf. „Die Panther im Wallis umzingelt?“, fragte der Berner Bund, und Paris Presse sprach in einer fetten Schlagzeile vom „Monstre du Valais“.

Nach Mitte August 1946 häuften sich die Sichtungen des wilden Tieres, das sein Revier auf das halbe Oberwallis ausgedehnt hatte. Ein Bauer aus Agarn wollte einen Luchs gesehen haben. Ein Alpsenn im Turtmanntal berichtete, „er sei morgens um sechs Uhr zwei alten und drei jungen Panthern begegnet und sei so erschrocken gewesen, dass er die Besinnung verloren habe.“

Anfang September 1946 verbreitete der Walliser Bote eine neue Theorie: Ein Panter sei es nicht und auch kein Luchs, sondern ein tibetanischer Tiger. Verschiedene glaubwürdige Augenzeugen hätten das Tier erblickt und gesagt, es sei gestreift, schwarz-gelb bis weiß-gelb.

Die Blutspur des Monsters zog im Herbst 1946 immer weitere Kreise im eidgenössischen Blätterwald. Von allen Seiten wurde die Walliser Kantonspolizei mit Theorien, Hilfsangeboten eingedeckt. Jäger boten ihre Dienste an, Fallenbauer priesen ihre neuesten Erfindungen. Ein Freiburger Wünschelrutengänger, der sich rühmte, Erdbeben voraussagen zu können, kam zum Schluss, dass es sich bei den Untieren „um zwei Meter lange Schlangen handelt, die tagsüber tief im Gestein schlafen und nach Mitternacht auf Raub aus sind.“

Auf das ein und andere Angebot ging der Kanton Wallis ein: Der Ostschweizer Jean Billetter durchstreifte mit seinem russischen Windhund „Lassie von Novosibirsk“ den Pfynwald und das Turtmanntal, der Basler Jäger Hans Jeker machte eine Expertise vor Ort, in der er zum Schluss kam, „dass im Spätherbst, wenn die Alptiere abziehen, sogar die Menschen gefährdet sind.“

Weil der Erfolg ausblieb, setzte der Walliser Gendarmeriekommandant Gollut eine Abschussprämie auf den Kopf des Untiers aus und verpflichtete den in Yverdon lebenden Dompteur und Großwildjäger Fernando Baese. Der sechzigjährige Tscheche, der für den Zirkus Knie in Afrika und Asien Raubtiere gefangen hatte, erhielt den Auftrag, die Raubtiere einzufangen. „Es handelt sich also jetzt um einen wirklichen Sachverständigen“, atmete der Walliser Bote auf.

Anfang September 1946 schlich der Großwildjäger „mit einem weittragenden Gewehr bewaffnet“ einige Tage lang durch den Pfynwald. In seinem Schlepptau folgten der Gendarmeriekommandant und eine kleine Schar von Polizisten, die beobachteten, wie der weißhaarige Mann mit den viel zu weiten Hosen und den ledernen Gamaschen Spuren untersuchte, seine Ohren spitzte und immer wieder seltsame Laute von sich gab. Safari im Pfynwald. Im Epizentrum der Pantherangst.

Beim Grechtschablenhubel im oberen Illgraben hatte Fernando das Rätsel gelöst. „Es war zwanzig Minuten nach drei“, erzählte er der Schweizer Illustrierten Zeitung, „da habe ich die Stimme des Panthers zum ersten Mal gehört. Es war der Schrei eines jungen Panthers, der seine Mutter ruft. Ganz kurz sah ich diesen dann auch, aber nur bei einem blitzartigen Sprung. Nun ist kein Zweifel mehr möglich.“

Gendarmeriekommandant Gollut war erleichtert. Jetzt mussten die Panther möglichst schnell gefangen werden. Aus Afrika und Asien wisse er, führte Fernando aus, dass spezifische Raubtierfallen für die Pantherjagd viel effizienter seien als die Treibjagd. Deshalb schlug er den Behörden die Installierung einer Serie von Fallen mit lebenden Ködern vor, die helfen sollten, die Pantherfamilie möglichst lebend einzufangen. In Windeseile wurden über vierzig Käfige und Fallen gebaut und in den Steilhängen der Alpe Meretschi, im Illgraben und im oberen Pfynwald aufgestellt. Einheimische Bauern stellten Schafe und Ziegen zur Verfügung, die in die Käfige gesperrt wurden und die Panther anlocken sollten.

Journalisten und Fotoreporter aus der ganzen Schweiz reisten an. Hans Beerli, der Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, wähnte sich schon fast in der Welt der Schildbürger, als ihm ein einheimischer Jäger die Fallen zeigte. „In den steilen Abhängen des Vanoischi“, berichtete Beerli aus dem Pfynwald, „stossen wir auf die oberste, mit lebenden Ködern versehene Falle. Beim Nähertreten glauben wir uns in die Welt der Bremer Stadtmusikanten versetzt; denn in das Gegacker von Hühnern, die in einem aus Steinen und Holz hergestellten Käfig eingeschlossen sind, mischt sich das „Iah“ eines armen Esels, der sich in seinem anschliessenden Gefängnis offenbar nicht wohler fühlt als die Versuchstiere im Rumpf der Kriegsschiffe vor Bikini.“

Alles Abwarten nützte nichts. Keiner der Panther ging in die Falle – und das Morden ging weiter. „Zwölf erwürgte Schafe im Turtmanntal“ meldete der Walliser Bote Anfang Oktober 1946. Der Sündenbock war schnell gefunden: Fernando Baese. Der Wundermann wurde zur Witzfigur. Die Basler National-Zeitung bezeichnete den Grosswildjäger, der für seine Arbeit vom Kanton Wallis dreihundertzwölf Franken kassierte, als den „Sherlock Holmes vom Pfynwald“, und ein Leserbriefschreiber im Berner ‚Bund’ spottete, dass der Fendant des Jahres 1945 derart exquisit sei, dass er im Wallis zu besonderen Fantasien anrege.

Polizeikommandant Gollut geriet immer mehr unter Druck. Politiker aller Schattierungen sägten an seinem Stuhl. Was sollte er tun? Eine andere Möglichkeit als eine große Treibjagd schien es nicht zu geben. In der Morgenfrühe des 12. November 1946 versammelten sich auf dem Bahnhof von Leuk einhundertfünfzig Jäger und Polizisten, die von Gollut in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. Das schlechte Wetter machte Polizisten und Jägern schwer zu schaffen und der Erfolg blieb aus. Weil man aber in den Wochen nach der Treibjagd auf keine neuen Spuren von wilden Tieren mehr stieß, deutete der Gendarmeriekommandant die misslungene Treibjagd in einen Erfolg um. „Vermutlich“, folgerte der höchste Walliser Polizist, „haben wir die Pantherfamilie vertrieben und sie ist in wärmere Regionen abgezogen.“ Das Oberwallis atmete auf.

Mit der Ausschreibung eines „Panther-Witzwettbewerbs“ versuchte Peter von Roten, der gewitzte Redaktor des Walliser Boten, einen humoristischen Schlussstrich unter die Angelegenheit zu ziehen. Aus der Fülle der Einsendungen wählte von Roten die originellsten aus und publizierte sie im Januar 1947 auf einer „Panther-Seite“:

Drei Salgescher beklagen sich in der Bahn über die Pantherplage. Einer sagt zum andern: „Der Panther sollte seinen Raubzug nach Sitten verlegen!“ – Ein Coupé weiter vorne sitzt der Stadtpräsident von Sitten, und er ruft den Salgeschern zu: „In Sitten haben wir keine Geißen und Schafe.“ – Schlagfertig gibt der Salgescher zurück: „Der Panther nimmt Kälber auch!“

Am 22. April 1947 fing alles wieder von vorne an. In der Nähe von Leukerbad kam es zu neuen Massakern an Schafen und Ziegen. Das Katz- und Maus-Spiel begann von Neuem. Die Kantonspolizei musste ausrücken und kam doch nicht entscheidend weiter. „Nur ein Wilderer“, war ein Leserbriefschreiber aus dem Oberwallis überzeugt, „wird uns vom Panther befreien können!“

Der erlösende Schuss fiel am 26. November 1947 um 21.30 Uhr in der Nähe des Oberwalliser Bergdorfs Eischoll. Das Monster war sofort tot. Doch der Krimi geht weiter: Zwei Stunden nach dem nächtlichen Schuss wurde der zehnjährige Marcel Brunner vom Geräusch seiner knarrenden Kammertür geweckt, durch die sein lediger Onkel Theodor trat. Diesem folgte der schwer atmende Vater Marinus, der ein größeres Tier auf seinen Schultern trug. Als der Vater das Tier auf eine von Onkel Theodor auf dem Fußboden ausgebreitete Decke legte, war Marcel plötzlich hellwach und sprang aus dem Bett.

„Was ist das?“, fragte er die beiden Männer.

„Wir wissen es nicht genau“, antwortete der Vater.

„Ein Panther ganz sicher nicht“, meinte Onkel Theodor.

Gemeinsam untersuchten die beiden Männer und der Bub das noch warme Tier, das ein dickes, von verschiedenen Braunabstufungen durchsetztes Fell und ein starkes Raubtiergebiss mit dolchartigen Eckzähnen hatte.

„Es könnte ein Wolfshund sein“, vermutete Onkel Theodor.

„Wir dürfen jetzt keinen Fehler machen“, sagte der Vater mit ernstem Blick und wandte sich an seinen Sohn. „Marcel, geh und wecke Onkel Franz und den Albinus!“

Der Bub stieg unverzüglich in seine Kleider und hastete zu dem keine hundert Meter entfernten Haus des Onkels. Eine Viertelstunde später standen die vier Männer und der Bub um das erlegte Tier. Franz Brunner und sein Sohn Albinus bestaunten die Kreatur. Kurz darauf saßen die vier Männer um einen alten Walliser Tisch.

„Vorletzte Nacht schon habe ich in der Nähe meines Stalls zwei größere Tiere gesehen“, begann Marinus Brunner. „Gierig haben sie Schlachtabfälle verzehrt, die ich kurz zuvor in die untere Wasserleitung geworfen habe.“

„Am andern Morgen“, fuhr Theodor Brunner fort, „hat mir Marinus von der Sache erzählt und mich gebeten, Gewehr und Munition bereitzustellen.“

„Ich war überzeugt“, sagte Marinus, „dass ich die seit langem gesuchten wilden Tiere gesehen habe. Und weil ich unbedingt die fünfhundert Franken Belohnung wollte, durfte niemand davon erfahren.“

Einen Augenblick lang war es still. Theodor Brunner nutzte die Gelegenheit, griff nach seinem Schnapsglas, und stumm stießen die Männer mit dem Selbstgebrannten an. Der zehnjährige Marcel drehte sich immer wieder nach dem wilden Tier um, das leblos auf dem Fußboden lag. Was für ein Raubtiergebiss! Der Bub war ungeheuer stolz auf seinen Vater.

„Es gibt nur ein Problem“, sagte Marinus Brunner plötzlich ernst und blickte seinen Schwager Franz an.

„Ich habe kein Jagdpatent und befürchte, dass die in Sitten mir deshalb die Belohnung nicht geben.“

„Was willst du tun?“, fragte Franz Brunner.

Einen Moment lang war es still. Schließlich ergriff erneut Theodor Brunner das Wort. „Könnte nicht der Albinus in der Öffentlichkeit als Schütze auftreten? Er ist der Einzige von uns, der ein Jagdpatent hat.“

Mit einem Mal richteten sich alle Augen auf den stumm und schläfrig dasitzenden Albinus.

„Wie soll das gehen?“, fragte Franz Brunner anstelle seines Sohns, dessen Augen plötzlich sehr weit offenstanden.

„Ganz einfach“, erklärte Theodor Brunner. „Morgen früh werden wir das tote Tier an eurer Kellertür aufhängen, die Polizei anrufen und sagen, dass Albinus der Schütze gewesen sei.“

„Und die Belohnung?“

„Die wird Albinus entgegennehmen und dem Marinus bringen.“

Einen kurzen Augenblick dachte Franz Brunner nach. „Von mir aus. Aber der Albinus muss auch einverstanden sein.“

Wieder drehten sich alle Köpfe zum dreißigjährigen Albinus, der verlegen in die Runde blickte.

„Tust du mir den Gefallen?“, fragte Marinus.

„Nun sag schon!“, forderte Franz Brunner seinen Sohn auf.

Albinus war klar, dass er nicht Nein sagen konnte.

„Einverstanden“, flüsterte er schließlich unterwürfig.

Für Albinus die Ehre, für Marinus das Geld.

Die Sache war beschlossen und musste geheim bleiben.

Am frühen Morgen des 27. November 1947 wurde das erlegte Tier von Marinus, Franz und Albinus Brunner mit zwei Nägeln an der Kellertür jenes Hauses aufgehängt, in dem Albinus Brunner wohnte. Das halbe Dorf traf sich kurz darauf vor dieser Tür, um den Kadaver zu bestaunen. Schließlich wurde das Tier abgenommen, in einen Leiterwagen verladen und, begleitet von einem Umzug von Neugierigen und Kindern – die Schule fiel an jenem Morgen kurzfristig aus –, zur Luftseilbahn begleitet, die hinunter ins Tal nach Raron führte. Hier wartete Dorfpolizist Murmann mit seinem Dienstwagen, mit dem er den Kadaver und den Schützen Albinus Brunner unverzüglich auf die Hauptwache der Walliser Kantonspolizei chauffierte. Die Aufregung in Sitten war groß. Kantonstierärzte und Jäger untersuchten das erlegte Tier. Erst die genauere Untersuchung schaffte Klarheit: Der ausgemergelte Wuchs des Tiers, sein starkes Raubtiergebiss, die überaus markanten Eckzähne, der große Schädel, die starke Hals- und Kiefermuskulatur, die Schräglage der Augen sowie der dichtere, abfallende Schwanz sprachen ganz eindeutig für einen Wolf.

Die Nachricht vom erlegten Wolf ging durch schweizerische und internationale Zeitungen. „Ein junger Arbeiter schießt den Wolf tot“, meldete die Tribune de Lausanne in fettgedruckten Lettern, und auch die ‚Neue Zürcher Zeitung’ feierte den vorgeschobenen Schützen: „Mit einem wohlgezielten Schuss gelang es Albinus Brunner, eines der wilden Tiere zur Strecke zu bringen.“ Das Foto vom kleingewachsenen Albinus Brunner mit dem toten Wolf auf den Schulterm fand schnelle Verbreitung. Natürlich stimmte auch der Walliser Bote in den Jubel ein – „Albinus Brunner aus Eischoll hat uns vom Ungeheuer befreit“ – und sah im großen Jagderfolg auch einen kleinen Triumph über die ewig lästernden „Grüezini“: „Nun sind alle Gerüchte doch bestätigt und alle Spottreden der Außerschweizer fallen auf sie selbst zurück.“

Gendarmeriekommandant Gollut war erleichtert, gratulierte dem Schützen im Namen der Kantonspolizei und überreichte ihm die fünfhundert Franken Belohnung. „Das Geld“, erzählt der heute neunzigjährige Marcel Brunner, „hat er am selben Abend noch meinem Vater Marinus übergeben.“

Einer der vier nächtlichen Verschwörer hielt sich nicht an die Abmachung. Sehr bald schon kursierten in Eischoll erste Gerüchte, dass nicht der Albinus, sondern der Marinus den Wolf erlegt habe.

Albinus? Oder Marinus? Der Neffe oder der Onkel? Das war die Frage, die man sich an vielen Oberwalliser Stammtischen stellte. Am 2. Dezember 1947 stellte der Walliser Bote klar, dass Albinus Brunner der Schütze gewesen sei. Kein einziger Bewohner Eischolls könne sagen, jemals Marinus Brunner mit einem Gewehr gesehen zu haben. Begreiflich, dass er dagegen protestiere, dass man ihn sogar einen Wilderer nenne, ihn, den friedlichen Armeesanitäter.

Im Herbst 1948 war der Wolf von Eischoll ausgestopft und wurde – begleitet von der Kamera der Schweizerischen Filmwochenschau – ins Naturhistorische Museum Sitten überführt, wo ihn bis heute Generationen von Walliser Schulkindern bestaunt haben. „In einem wohlgeordneten Staat“, stellte der Sprecher am Schluss des Wochenschau-Berichts klar, „können wilde Tiere nur in Vitrinen geduldet werden.“

Hintergrundinformationen

Die Rückkehr der Wölfe ins Wallis

Eischoll – im Herzen des Augstbordrudels

Von Richard Imboden, Wildhüter

Keine andere Schweizergemeinde ist so eng mit den Wölfen verbunden wie das kleine Bergdorf Eischoll. 1947 erlegte Albin Brunner hier den letzten freilebenden Wolf der Schweiz. Der Abschuss des Monsters erregte medial schweizweit eine derart grosse Aufmerksamkeit, dass Eischoll zur Wolfsgemeinde schlechthin wurde. Es war wohl auch kein Zufall, dass im November 2016 der erste Nachweis einer Reproduktion von Wölfen im Wallis wiederum auf dem Gebiet der Gemeinde Eischoll erbracht wurde. Geboren war das erste Augstbordrudel.

Der Wolf ist eine faszinierende und zugleich kontrovers diskutierte Wildart, die in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit erlangt hat. In den Alpen, insbesondere im Wallis, wurde das Augstbordrudel zu einem bedeutenden Symbol für den Umgang mit dieser Raubtierart. Gerade in den Schattenbergen sorgte das Auftreten und Verhalten der Wölfe für Diskussionen und Herausforderungen im Management von Mensch-Wolf-Konflikten, sowie im Natur- und Artenschutz. Die Augstbord-Wölfe haben nicht nur die ökologische Dynamik in der Region beeinflusst, sondern auch eine Vielzahl von Meinungen und Emotionen hervorgerufen, die die Koexistenz von Menschen und Wölfen in den Alpen deutlich beleuchten.

Historisch gesehen ist kaum ein Tier so tief in unseren Erzählungen verwurzelt wie der Wolf – fast immer in der Rolle des unberechenbaren Monsters. Ein sachlicher Blick auf die moderne Wildbiologie zeigt jedoch, dass die Rückkehr des Augstbordrudels in das Oberwallis weit mehr ist als ein Konfliktthema. Abseits der unbestrittenen Herausforderungen für die Alpwirtschaft erfüllt das Raubtier eine nachweisbar positive, regulierende Funktion für die lokale Natur.

Sicherung stabiler Bergwälder

Durch die Präsenz der Wölfe zieht das Schalenwild seltener in grossen, verweilenden Gruppen durch die Wälder. Weniger Wildverbiss ermöglicht es jungen Tannen und Lärchen, gesund heranzuwachsen. Dies sichert die langfristige Stabilität der Waldstrukturen in der gesamten Augstbordregion. Ein gesunder, starker Bergwald im steilen Gelände schützt zudem die wichtigen Zufahrtsstrassen, Wanderwege und Infrastrukturlinien der Region vor Erosion und Hangrutschungen.

Biologische Gesundheitspolizei

Der Wolf jagt selektiv und erbeutet vorrangig schwache, alte oder kranke Wildtiere. Dies hält die lokalen Bestände von Hirsch, Reh und Gämse vital und minimiert das Risiko von grossflächigen Wildseuchen.

Unterstützung der Jäger

Wo das Gelände für uns Menschen zu steil, unzugänglich oder gefährlich wird, reguliert der Wolf die Bestände das ganze Jahr über auf natürliche Weise.

Impuls für die Artenvielfalt

Die Beutereste der Wölfe sichern die Nahrungsgrundlage für zahlreiche andere einheimische Tierarten der Region – von nützlichen Insekten über Füchse und Kolkraben bis hin zum seltenen Bartgeier.

Das Rudel als engster Familienverband

Ein Wolfsrudel besteht im Wesentlichen aus einer Kernfamilie: den Leitwölfen und ihren Nachkommen der letzten zwei Jahre. Die Bindung innerhalb der Familie ist extrem stark. Wölfe kennen emotionale Zuwendung, spielen miteinander und pflegen verletzte oder kranke Familienmitglieder.

Gemeinsame und fürsorgliche Welpenaufzucht

Die Aufzucht der Jungtiere ist in einem Rudel absolute Teamarbeit. Nicht nur die Mutter, sondern auch der Vater und die älteren Geschwister beschützen, füttern und erziehen die Welpen. Diese soziale Fürsorge sichert das Überleben der nächsten Generation.

Hochentwickelte Kommunikation

Das bekannte Heulen des Wolfes ist kein Drohsignal, sondern ein hocheffizientes Kommunikationsmittel. Es dient dazu, den Zusammenhalt der Familie über kilometerweite Distanzen im bergigen Gelände des Wallis zu sichern oder die Grenzen des eigenen Reviers gewaltfrei gegenüber fremden Wölfen zu markieren.

Intelligenz und Anpassungsfähigkeit

Wölfe besitzen eine enorme kognitive Leistungsfähigkeit. Sie lernen durch Beobachtung, können komplexe Situationen analysieren und passen ihre Jagdstrategien flexibel an das alpine Gelände und das Verhalten der Beutetiere an.

Natürliche Geburtenkontrolle

Ein Wolfsrudel wächst nicht unkontrolliert an. Die Reviergrösse (beim Augstbordrudel oft weit über 100 Quadratkilometer) und das Nahrungsangebot begrenzen die Populationsdichte ganz natürlich. Zudem pflanzt sich in der Regel nur das Leitpaar fort, während die älteren Jungwölfe das Rudel im Alter von ein bis zwei Jahren verlassen, um eigene Wege zu gehen.

Evolutionäre Co-Evolution

Der Wolf hat unsere Wildtiere über Jahrtausende geformt. Die Schnelligkeit des Rehs, die Kletterkunst der Gämse und das wachsame Gruppenverhalten des Hirsches sind direkte evolutionäre Antworten auf den Wolf. Ohne Grossraubtiere degenerieren diese natürlichen Instinkte und Fähigkeiten der Wildbestände langfristig.

Hocheffiziente Ausdauerläufer

Die Biologie des Wolfes ist auf extreme Effizienz im alpinen Raum ausgelegt. Im Gegensatz zu Katzenartigen (die Kurzstreckensprinter sind) ist der Wolf ein hochentwickelter Trab- und Ausdauerläufer. Er kann pro Nacht mühelos 40 bis 50 Kilometer im steilen Gelände zurücklegen, wobei sein Herz-Kreislauf-System und sein Pfotenaufbau perfekt an Schnee und Eis angepasst sind.

Exzellente Sinnesleistung als Überlebenswerkzeug

Die Sinne des Wolfes sind Meisterwerke der Evolution. Er kann die Fährte eines Beutetieres noch nach Tagen riechen und das Heulen von Artgenossen im Gebirge auf eine Distanz von bis zu 10 Kilometern hören. Diese Sinne nutzt er primär, um Gefahren – insbesondere dem Menschen – weiträumig aus dem Weg zu gehen.

Konfliktvermeidung durch Reviermarkierung

Wölfe sind extrem territoriale Tiere. Das Augstbordrudel verteidigt sein Revier strikt gegen fremde Wölfe. Aus biologischer Sicht bedeutet das: Ist eine Region von einem Rudel besetzt, bleibt die Wolfsdichte dort stabil. Das Rudel sorgt selbst dafür, dass keine "Überbevölkerung" stattfindet, da fremde Wölfe vertrieben oder im Ernstfall getötet werden.

In den Sagen unserer Vorfahren war der Wolf der Sündenbock für Ängste und Entbehrungen. Heute wissen wir: Er ist weder ein bösartiges Monster noch ein zahmes Kuscheltier. Er ist ein hocheffizienter Wildtier-Manager. Wenn wir den Wolf mit sachlichen Augen betrachten, sehen wir ein Tier, das einen entscheidenden Beitrag dazu leistet, dass unsere alpine Natur im Gleichgewicht bleibt.